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Elternzeit: Wie geht’s weiter?

Ein Gespräch mit Che Wagner über Elternzeit, Gleichstellung und die geplante Volksinitiative. Er ist Co-Geschäftsführer des Vereins Public Beta, Vater von zwei Kindern und lebt in Basel.

· Eltermzeit

Im September stimmt die Schweiz über zwei Wochen Vaterschaftsurlaub ab. Ist es richtig, jetzt über Elternzeit zu reden?

Che Wagner: Das Referendum gegen zwei Wochen Vaterschaftsurlaub kommt politisch aus der Steinzeit. Wir sollten cool bleiben und die nächste, wichtige Etappe nicht aus dem Blick verlieren: Den Systemwechsel zur Elternzeit. Nur so fördern wir die Gleichstellung in der Familie und im Beruf, die seit 1981 in der Bundesverfassung verankert ist.

Ist das keine gefährliche Strategie?

Die Bürgerinnen und Bürger wissen, das wir im Herbst «nur» über zwei Wochen Vaterschaftsurlaub abstimmen. Wir starten die offizielle Unterschriftensammlung für die Elternzeit-Initiative erst im Frühjahr 2021. Aber selbstverständlich möchten wir bereits jetzt über Elternzeit zu diskutieren, eine zivilgesellschaftliche Bewegung aufzubauen und den Schwung für mehr Gleichstellung nutzen.

Wer steckt hinter der Elternzeit-Initiative?

Die Elternzeit-Initiative ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins Public Beta, der sich zum Ziel gesetzt hat, als Demokratie-Inkubator Volksinitiativen zu wichtigen gesellschaftlichen Herausforderungen auf den Weg zu bringen. Wir bauen auf die Erfahrung 27 Initiativen und Referenden, welche die Demokratie-Plattform WeCollect unterstützt hat.

Mutterschaftsurlaub, Vaterschaftsurlaub und jetzt noch Elternzeit: Wie hängt das alles zusammen?

Die Schlüsselfrage ist: Wie viel Betreuungszeit beziehen Mütter und Väter in der Phase nach der Geburt eines Kindes? Dabei rechne ich den Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub mit. Wenn der Vaterschaftsurlaub von zwei Wochen vom Volk angenommen wird, sprechen wir von drei Monaten Differenz zwischen Mütter und Väter. Dies trägt dazu bei, dass die Kinderbetreuung nicht egalitär aufgeteilt wird und die Frauen auf dem Arbeitsmarkt als «Risiko» eingestuft werden – wegen einer möglichen Schwangerschaft.

Bringt Elternzeit automatisch mehr Gleichstellung?

Wir müssen aufpassen, dass die Einführung einer Elternzeit nicht zu einer Zementierung der Geschlechterverhältnisse führt. Werden einfach die Anzahl Wochen für beide Elternteile erhöht, droht beim Bezug die Gefahr, dass Frauen die zusätzlichen Wochen voll ausschöpfen, während Männer trotzdem nicht zu Hause bleiben. Diesen Effekt belegen zahlreiche internationale Studien. Darum muss die Elternzeit-Initiative Gleichstellung ins Zentrum stellen.

Wie viele Wochen Elternzeit liegen auf dem Tisch?

Das Modell, das wir ausgearbeitet haben, basiert auf mindestens 14 Wochen Elternzeit – zusätzlich zum bestehenden Mutterschaftsurlaub und dem vom Parlament beschlossenen Vaterschaftsurlaub. Um die Gleichstellung in der Familie und im Beruf zu stärken, ist ein fixer Teil der Elternzeit dem Vater zugeteilt. Die Mutter kann frei über ihre Anzahl Wochen Elternzeit verfügen und ihr Anteil, falls erwünscht, an den Vater übertragen. Das macht insgesamt 30 Wochen, von denen Väter 12 bis 16 Wochen beziehen könnten, die Mütter 14 bis 18 Wochen.

Kritische Stimmen sagen: 30 Wochen sind zu wenig!

Wie viele Wochen die Elternzeit im Initiativtext stehen werden, ist noch in Diskussion. Eine moderate Aufstockung ist für mich denkbar. Mit 30 Wochen Betreuungszeit wäre die Schweiz im europäischen Vergleich im hinteren Mittelfeld. Trotzdem wäre die Einführung der Elternzeit ein historischer Schritt für die Schweiz.

Warum sprechen wir nicht über 38 oder 40 Wochen?

40 Wochen finde ich persönlich wünschenswert, sind leider ausserhalb der politischen Reichweite. Mit der Elternzeit-Initiative möchten wir potenziell mehrheitsfähig sein, wenn wir an eine Abstimmung in etwa sieben Jahren denken. Dafür braucht es einen moderaten Kompromiss, der einen raschen Systemwechsel ermöglicht. Wir sollten nicht vergessen, wie viel Hartnäckigkeit es alleine für zwei Wochen Vaterschaftsurlaub gebraucht hat, die noch immer nicht im Trockenen sind. So gesehen ist der Sprung von 14 Wochen Mutterschaftsurlaub und zwei Wochen Vaterschaftsurlaub auf 30 Wochen, wie wir dies vorschlagen, ein echter Quantensprung.

Reden wir über die Kosten. Wer zahlt für die Elternzeit?

Bei der Finanzierung richten wir uns ans bisherige Modell beim Mutterschaftsurlaub. Elternzeit würde so mit den Beiträgen an die Erwerbsersatzordnung (EO) finanziert, die zusammen mit der AHV erhoben wird. Modellrechnungen werden wir zu einem späteren Zeitpunkt vorstellen.

Wie sieht der Zeitplan für die Lancierung der Initiative aus?

Bis im Sommer möchten wir das Modell in einen Verfassungsartikel giessen, damit wir sehen, wo wir mit diesem Vorschlag stehen und wer alles eine solche Initiative unterstützen könnte. Der Start der Unterschriftensammlung ist spätestens für Frühling 2021 geplant.

Wo stehen wir bei der Elternzeit in zehn Jahren?

Ich wünsche mir, dass für meine Kinder eine egalitäre Betreuung und Hausarbeit eine Selbstverständlichkeit sein wird.

Interview: Phillipe Kramer
 

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